Die Geschichte des unstatthaften Schwangerseins
von Andreas Mettler am 03.02.2012 Ist es nicht erstaunlich, was sich die deutsche Sprache und ihre Sprecher einfallen ließen, nur um das Wort Schwangerschaft vermeiden zu können? Da ist man plötzlich nicht explizit schwanger, sondern mehr allgemein „in anderen Umständen“. Woran liegt diese augenzwinkernde Vereinbarung zwischen Bedeutung und Umschreibung? Nun, es darf wohl als gegeben betrachtet werden, dass Schwangerschaften und Schwangersein im Mittelalter bis tief hinein in die Neuzeit, ja bis zum heutigen Tage hier und dort als ein ungemein peinliches Phänomen, als ein lästiges und unansehnliches Muss zum Fortbestand der Menschheit.
Im Mittelalter war die Schwangerschaft auch stets mit großen gesundheitlichen Risiken und hoher Sterblichkeit unter werdenden Müttern verbunden. Das allgemeine Motto war und ist: Kinder ja, aber eine Schwangerschaft? Muss das denn sein? Das müsse doch wohl eine weibliche Idee gewesen sein, diese Schwangerschaften, typisch Frau eben, umständlich, emotional und uneffektiv – umständlich, da ist übrigens wieder die Verbindung zu der oben genannten Umschreibung. Die Schwangerschaft ist also ein Umstand. Und die Kleider, die Frauen trugen, damit man ihr neun Monate währendes Elend nicht bekam, hieß Umstandsmode. Aber immerhin: Mode durfte es wohl sein. Galt es doch lange Zeit als unstatthaft, wenn Mode der Form des weiblichen Körpers folgte. Stattdessen ignorierte es sie plump, was aus jedem Kleidungsstück im Prinzip Umstandsmode machte. Heute ist Umstandsmode so gut wie allen Frauen zugänglich, was sich aber erst in der Neuzeit änderte. Im Mittelalter war dies der wohlhabenden Schicht vorbehalten. Wer damals nicht genügend Geld hatte, trug seine „anderen Umstände“ gezwungenermaßen plump und peinlich vor sich her.
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